Fanclub-Fahrt
19.06.2006
Togo - Schweiz
0:2
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Reisebericht (die Bekenntnisse einer Togolesin...)
TB-spezial „Togo - Schweiz“
Liebes Tagebuch,
gewohnt unpünktlich verlässt der Fanclub-Tross am Montag, den 19.
Juni 2006 gegen 8.20 Uhr den Busbahnhof in Fulda. Meinen Sitzplatz teile ich mir
mit einer Kiste Bier (zu meinen Füßen) und Michael (zu meiner Rechten), den ich
fortan nur noch als meinen schwarzen Bruder bezeichne. Wir beginnen sofort mit
fanatischem Wedeln der togolesischen Nationalflagge; für togolesische Fangesänge
reicht es indes noch nicht.
Die ca. 40-köpfige Gruppe ist zwar ungewohnt gespalten, dafür aber gewohnt gut
gelaunt und harmonisch unterwegs. Ungeachtet dessen mahnt der ehrenwerte
Präsident in seiner mitreißenden Begrüßungsansprache dazu, das Motto „Die Welt
zu Gast bei Freunden“ unbedingt zu beachten und mit etwaigen Schlägereien bis
nach dem Spiel zu warten. Es folgt das ergreifende Abspielen der beiden
Nationalhymnen.
Vor dem Spiel unterhalte ich zahlreiche Ordner (die ja WM-technisch einen ganz besonders schönen und sehr fremdländisch-wichtig klingenden Spezialnamen haben) und einen Programmheftverkäufer aus Kiel (den ich spontan zu meinem Lieblingsprogrammheft-verkäufer ernenne), indem ich lange vergeblich versuche, einen Westfalenstadion-Neuling zu einem gemeinsamen Treffpunkt zu lotsen. Durch besonders knifflige WM-Sonderabsperrungen gewinnt dieses Unterfangen an zusätzlicher Spannung. Es gelingt letztendlich – unter massiver Erhöhung der Mobiltelefonbetreibergewinnspanne.
In solchen Momenten fragt man sich doch, wie man nur jemals in grauer handyloser Vorzeit solcherlei Maßnahmen organisiert hat. Ich persönlich erinnere mich indes vielmehr schmerzlich daran, in grauer handyloser Vorzeit mal ein Spiel VOR dem Westfalenstadion verbracht zu haben, weil das mit den Kartenübergabemodalitäten offensichtlich nicht so ganz ideal abgesprochen war. Der damalige Karteninhaber dürfte sich seinerseits schmerzlich daran erinnern, dass ich ihn NACH dem Spiel dummerweise zwischen Abertausenden von Fußballfans zufällig traf und auf dieses Missgeschick umgehend –sagen wir mal- ansprechen konnte, bevor meine in 90 Minuten stattlich angeschwollene Wut Gelegenheit hatte, unverrichteter Dinge in den Dortmunder Abendhimmel zu entweichen…
Nach dem Spiel treffen wir im so genannten Fancamp in den Westfalenhallen auf –keine Überraschung- zahllose Schweizer. Offensichtlich hat das ganze Nachbarland Ausgang bekommen. Ich bin mir nach kurzer Rücksprache mit meinem schwarzen Bruder Michael nicht zu schade, einen Schweizer aus der Nähe von Luzern anzusprechen, der beim nun folgenden insgesamt informativen Gespräch sehr krampfhaft um so etwas wie hochdeutsch bemüht ist. Leider mag er nicht mit mir seine wunderschönen roten Fan-Turnschuhe mit großem weißem Kreuz (Größe 43) tauschen. Angeblich könne er in meinen Flip-Flops (Größe 38) nicht laufen. Auch die (wohl nicht mit dem nötigen Nachdruck vorgebrachte) Drohung, dass mein sich im Hintergrund haltender Bruder Michael ihn vermöbelt, wenn er nicht sofort tauscht, bringt uns verhandlungstaktisch nicht mehr weiter. Gut, er ist jetzt auch ein recht sympathisch anmutender Brillenträger (kleiner Benimm-Exkurs: den Brillenträger an sich darf man ja angeblich grundsätzlich nicht schlagen), der kurz zuvor die herzliche deutsche Gastfreundschaft gelobt hatte…
Zwischen Westfalenhalle und U-Bahn machen wir die Bekanntschaft mit ganz reizenden Togo-Team-Ticket-Jungs aus dem Großraum Lomé (genau wie mein schwarzer Bruder und ich) – Duisburg – Dinslaken, die in ihrem schier grenzenlosen WM-Enthusiasmus sogar das Togo-Team-Lager im Allgäuer Wangen bereist haben. Abgesehen von deren Sprachgewandtheit und Manieren (soweit ich das nach den ganzen Anstrengungen des Tages noch sachgerecht zu beurteilen vermag) sind besonders die filigranen halbmeterhohen selbst gefertigten TOGO-Buchstaben unbedingt erwähnens- und fotografierenswert.
Da mir mit einem letzten Rest Geistesgegenwärtigkeit einfällt, dass ich ja ebenfalls Karten für das letzte Vorrundenspiel Frankreich – Togo vorweisen kann, verabreden wir uns lose für den kommenden Freitag in Köln, Block S. Wenn ich bis dahin fertig gebastelt habe, darf ich sogar das Ausrufezeichen sein!
Bei meinem weißen Bruder Ralf klappt das mit den Tauschgeschäften irgendwie besser.
Deshalb ein nächster Versuch am Friedensplatz: Mein neues schweizerisches Opfer zeigt sich durch umgehendes Ausziehen seiner eher hässlichen schwarzen Turnschuhe zum Tausch bereit und erlaubt sich sogar die Nachfrage, ob der Handel auch den Sockentausch beinhalte, wovon ich aber im Falle eines Geschäftsabschlusses lieber abgesehen hätte. Es bleibt daher bei einem gänzlich unproblematischen Tausch „Bier gegen Pommes“ und diversen „Schnupftabakccchhhh“-Angeboten seinerseits.
Bei der Rückankunft in Fulda gegen 1.00 Uhr stelle ich im wahrsten Sinne des Wortes ernüchtert fest, dass ich seit dem ersten „Flupp-Bier“ des Tages gegen 20.38 Uhr keine anderen Flüssigkeiten als Bier zu mir genommen –nicht mal an einer Cola genippt- habe.
Ich gehe aber davon aus, dass die WM als solche eine ausreichende Rechtfertigungsgrundlage für vorübergehenden Alkoholismus bietet.
Bericht: Black Silke
Fotos: dPeter, Lori, Rülf, Axel